Musikverein

Durchschnittlich alle elf Minuten* fragt ein Tourist irgendwo am Karlsplatz einen Passanten nach dem Weg zum Wiener Musikverein. Er ist bekannt dafür, dass sehr viele Leute davor am Radweg herumstehen. Und viele, die am ersten Jänner schon einmal vor drei aufgestanden sind, kennen ihn, weil dort das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker stattfindet. Woran man oft nicht denkt ist, dass man einfach reingehen könnte, um einen Spritzer zu trinken und sich davor und danach eine Stunde Konzert anzusehen. Es ist schön, es ist fancy, es ist billig. Es spricht wirklich nichts dagegen, außer man mag keine klassische Musik.

Deshalb kaufte ich einem eleganten schweizer Herren die 60-Euro-Karte seiner erkrankten Frau für einen Zehner ab und erwarb damit den Zutritt zur gutbürgerlichen Gesellschaft. Wenn man das Gebäude betritt, sieht man viel Gold und Sakkos und Schuhe mit mittelhohem Absatz. Alle sind freundlich zueinander, solange sie sich nicht für irgendetwas anstellen. Ich war mir zuvor nicht so ganz sicher, wie ich mich anziehen soll. Aber wenn man keine weißen Haare hat, kann man alles anziehen, weil man sowieso auffällt.

Die einzige wichtige Verhaltensregel ist, dass man während des Konzerts immer leise sein muss. Zum Beispiel saß links neben mir ein Mann, der sich einen zwar mehrminütigen, aber trotzdem absolut lautlosen Kampf gegen den Erstickungstod lieferte, bis die Musik endlich laut genug war, um ein in Plastik verpacktes Hustenzuckerl unbemerkt auszupacken. Handyläuten ist absolut unangebracht und unendlich peinlich. Da ist es noch besser, man lässt einen langen lauten Schas. Leises Schnarchen wird geduldet.

Wenn es einen beim Konzert überkommt, darf man sich zur Musik bewegen. Man kann zum Beispiel mit den Fingerkuppen auf den Oberschenkel klopfen oder mit dem Fuß wippen. Mutige nicken im Takt. In einem besonders erhebenden Moment der Darbietung zeigte eine Dame Mariah-Carey-artig die Tonhöhen mit ihrer Hand an.

Mir war noch gar nicht fad, als es schon Zeit für die Pause und somit für einen Spritzer war. Sekt gibts an mehreren Plätzen im Musikverein, Spritzer nur beim Buffet. Dort gehts zu Beginn der Pause ziemlich ab. Man traut sich aber zwischen den teilweise gebrechlichen Personen nicht, mit dem Maß an Brutalität vorzugehen, das man normalerweise anwendet, um an einer Bar zu seinem Drink zu kommen. Es gab im Publikum natürlich auch noch ein paar andere Leute, aber beim Buffett sah ich wirklich fast ausschließlich mitteleuropäische Frauen und Männer über 65 und ein Enkelkind mit einem Cola.

Die Ladies hinterm Buffet waren superschnell und schenkten mir einen soliden Spritzer ein. Der Preis von 3,60 pro Viertel war eine angenehme Überraschung. In so einer vergoldeten Hütte rechnet man ja mit allem. Für meinen Geschmack hätte der Wein noch eine Spur trockener sein können. Das Wasser prickelte nur sehr zart, aber das war eigentlich okay. Dass der Spritzer in einem gscheiten Weinglasl kommt, steht im ersten Bezirk natürlich außer Frage.

Nachdem nicht mehr viel Zeit bis zum Ende der Pause war, exte ich die Mischung und stürzte mich noch in eine kurze Smalltalk-Eskapade mit zwei Gentlemen jenseits der Achtzig. Dann gings schon wieder weiter mit Konzert und rechtzeitig zum Dschungelcamp war ich zu Hause.

*Schätzung

Spritzer-Bewertung im Musikverein:

Der Musikverein ist ein altes Haus mit viel Gold, auf die meisten Besucher trifft das so ähnlich wahrscheinlich auch zu. Die Musik ist eingängig, der Spritzer süffig. Alles ist gut. Eigentlich wärs perfekt, wenns nicht auch ein bissl fad wär.

Geschmack0

Service0

Atmosphäre0

Preis0

Es ist eine Tragödie, dass man keine Drinks mit in den Konzertsaal nehmen darf, weil dann wärs auch ein bissl weniger fad. Wär es erlaubt, so tät ich mich als Gast des Wiener Musikvereins mit ungefähr sechs Spritzweinen illuminieren.


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